Besprechungen:
Michael Stolleis: Frankfurter Allgemeine Zeitung 3.12.1999: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-die-polizei-laesst-mit-sich-spassen-11312348.html;
"Diejenigen Erwachsenen, die nicht vergessen haben, dass sie einmal Kinder waren, kennen sich in Entenhausen aus, in jener amerikanischen, aber doch welthaltigen Stadt, die dank der Imagination von Millionen Lesern real existiert. Unzählige Abenteuer sind dort bestanden, aber ebenso unzählige Straftaten begangen worden. Nicht nur der notorische und schwer kriminelle Kater Karlo samt seinen düsteren Gehilfen sowie die nicht resozialisierbare Panzerknacker-Bande verkörpern hier die deviante Seite des Menschlichen, es sind leider auch Donald und Dagobert, Gustav Gans, die sympathischen Neffen, Klaas Klever, Mac Moneyac und andere, die jedenfalls gelegentlich kleinere Straftaten begehen. Der staatsnah operierende Privatdetektiv Micky Maus und sein schwachköpfiger Freund Goofy werden freilich kaum straffällig - aber diese platte Vorbildlichkeit scheint auch ihre Schwäche zu sein.
Die hier zu präsentierende gediegene schweizerische Untersuchung füllt eine schon seit langem schmerzlich empfundene Lücke. Sie legt eine im Anschluss an Ulrich Oevermanns "Objektive Hermeneutik" entwickelte Entenhausener Handlungstheorie zu Grunde und untersucht vergleichend die Handlungsstrukturen und Straftaten in den beiden Jahrgängen der "Micky Maus" 1952 und 1995, und zwar getrennt nach Duck- und Micky-Episoden. Die dabei beobachtete historische Entwicklung ist verblüffend: Micky, der Legalist, der unermüdliche Verfolger der Kriminalität, hat im Laufe der Jahrzehnte erheblich an Terrain gegenüber dem zur Identifikation einladenden menschlichen Helden Donald verloren. Gerade die Neigung zum Ausagieren innerer Spannungen ohne Rücksicht auf das (hier zu Grunde gelegte schweizerische) Strafgesetzbuch macht Donald zum allgemeinen Liebling.
Aber auch die Szene hat sich verändert. 1952 spielten sich die Konflikte und Straftaten der Ducks im Binnenbereich von Familie und Stadt ab, während sie sich 1995 im Zeichen der Globalisierung der Entenhausener Konzerne ins Ausland, ja in den Weltraum verlagert haben. Das zwingt die Ducks, jedenfalls in Zeiten der Bedrohung, zusammenzuhalten. Demgegenüber verharren Privatdetektiv Maus und Kommissar Hunter bei der Bekämpfung der heimischen Kriminalität. Jeder ihrer Siege im Einzelfall demonstriert ihre strukturelle Ohnmacht; denn im nächsten Heft ist die Kriminalität wieder da, frisch wie zuvor. Wie 1952, so spielt auch 1995 Frauenkriminalität keine wesentliche Rolle; man denke an Daisy und Minnie oder gar an Oma Duck! Einzig Gundel Gaukeley verkörpert das verführerische "Böse".
Die Autoren schreiben, trotz dem Buchtitel, nicht wirklich über "Kriminalpolitik"; denn die gibt es in einem geschlossenen System wie Entenhausen nicht. Sie arbeiten vielmehr an einer Kriminalsoziologie. Dazu gehört eine solide Statistik, eine Typologie der Täter und der Taten sowie ein sowohl kriminologischer als auch medientheoretischer Erklärungsansatz. Nur Letzterer liefert beispielsweise den Schlüssel zu der Beobachtung, dass etwa Drogen- und Sexualdelikte fehlen. Obwohl die Untersuchung viel Licht auf Entenhausens Nachtseite wirft oder jedenfalls bekannte Phänomene in die bengalische Beleuchtung soziologischen Vokabulars taucht, bleiben wichtige Fragen ungelöst: Wie erklären sich die "idiosynkratischen Handlungsorientierungen" (Fritz Scharpf) zwischen den Figuren sowie zwischen Dagoberts Kapitalismus und der Kriminalität der Panzerknacker? Sie scheinen einander zu hassen, aber sie begehren sich auch - vielleicht sind sie sogar identisch, wenn man an Proudhons "Eigentum ist Diebstahl" erinnern darf? Stellt Kriminalität die zentrale Rechtfertigung für den ungeheuren privaten und öffentlichen Sicherheitsaufwand, für Polizei und Staat dar? Sind die Panzerknacker, Gundel Gaukeley und Kater Karlo Projektionen der Angst, Ikonen des Bösen in uns oder nur Pappfiguren zur Legitimation der Sozialkontrolle? Fragen über Fragen. Die vorliegende kriminologische Untersuchung der Entenhausener Devianz ist ein erfreulicher Anfang. Weitere interdisziplinäre Studien mögen folgen. Kinder jedoch brauchen sie nicht zu lesen."
Onna Coray, Der Tagesspiegel 15.2.1989, https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/mickymaus-als-hueter-der-inneren-sicherheit/30292.html:
"Strafrechtsprofessor untersucht Kriminalität in EntenhausenVON ONNA CORAY (AP) BERN.Mickymaus hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten vom kleinen Gauner zu einem vorbildlichen Privatdetektiv gewandelt.Zu diesem Schluß kommt der Berner Strafrechtsprofessor Karl-Ludwig Kunz, der sich Disney-Comic-Heftchen vorgenommen und die Entwicklung der Kriminalität in Entenhausen untersucht hat.Kunz stellte fest, daß sich der Umgang mit der Kriminalität - vor allem aber Protagonist Micky - zwischen den Heftchen der Jahrgänge 1952 und 1995 markant verändert hat. Zusammen mit dem Historiker Roger Sidler belegt Kunz in seiner Untersuchung zur "Kriminalpolitik in Entenhausen" den Wandel mit einer Kriminalstatistik aller Mickymaus-Heftchen der Jahrgänge 1952 und 1995, und zwar nach den Kriterien des schweizerischen Strafgesetzbuchs.Während danach die Kriminalität in den Comics von 1952 noch als ein spielerisches, oft chaotisches Ausleben von Individualität dargestellt wird, hat sich das Verbrechen 1995 zu einer gesellschaftlichen Pest entwickelt, die es mit handgreiflicher Eigeninitiative auszumerzen gilt. Am markantesten zeigt sich dieser Wandel an der Figur von Micky.Brachte er es 1952 immerhin auf sieben Straftaten, hat er sich 1995 zum vorbildlichen Privatdetektiv mit einem Saubermann-Image gewandelt.Die Comics von 1995 ermöglichen laut Kunz der Leserschaft zudem eine klarere Trennung zwischen "Guten" und "Bösen" als jene von 1952.Waren die Figuren 1952 als Täter und Opfer noch austauschbar, gibt es laut Kunz 1995 klar definierte Rollen, wobei die Täter zunehmend anonym sind oder der "Unterwelt" von Entenhausen zugeordnet werden.In diesem Wandel spiegele sich der Zeitgeist: Das zur Neige gehende Jahrhundert präsentiere sich gerne als ein solches, das die Feindbilder verloren habe.Umso zentraler werde die "innere Sicherheit". Die Kriminalstatistiken belegen, daß die Figuren des Enten-Klans um Donald Duck weit häufiger strafrechtlich auffällig werden als der Mäuse-Klan: Lag die Zahl der in den Enten-Episoden festgestellten Delikte 1952 noch bei 121, stieg sie 1995 auf 804.In den Mäuse-Episoden stieg die Zahl der Delikte in der gleichen Zeit von 61 auf 310.1995 wie bereits 1952 werden am häufigsten die "klassischen" Delikte gegen Leib und Leben, gegen das Vermögen sowie gegen die persönliche Freiheit verübt. Weisen Donald, Dagobert und Co.eine unverändert hohe Straftatenquote auf, so hat sich die Täterstatistik bei den Mäuse-Episoden grundlegend verändert.Die Bereitschaft zum Begehen von Straftaten ist bei Micky und seinen Freunden 1995 drastisch gesunken, und Kater Karlo verübt mit 49 Straftaten mehr Delikte als der ganze Mäuse-Klan zusammen. Die Solidarität innerhalb der Klans im Kontrast zu der Anonymität im übrigen Entenhausen gewährleistet, daß sich die Leserschaft in den Klans heimisch fühlt.Die Klans werden als von dem übrigen Entenhausen abgeschottete Friedensbezirke dargestellt, die sich ein eigenes Recht geschaffen haben.Ihre partikularen Interessen verfechten sie auch mit strafbaren Handlungen und ähneln laut Kunz damit klassischen kriminellen Gegengesellschaften wie Mafia oder Camorra. Kunz, der mit seiner Untersuchung Neuland betreten hat, hat seine Erkenntnisse diesen Winter in einer Vorlesung an der Universität weitergegeben.Der Strafrechtsprofessor bekennt sich als ehemals eifriger Leser von Mickymaus-Heftchen.Er findet die Figur von Donald mit all seinen menschlichen Schwächen die beste.Daß er den neuen Micky als vorbildlichen Privatdetektiv langweilig findet, ist laut Kunz mit seiner Funktion als Strafrechtsprofessor durchaus vereinbar: "Ein Theologe braucht schließlich auch nicht fromm zu sein".
Hermann Unterstöger, Süddeutsche Zeitung 22.11.1999;
Benedikt Eppenberger: Der Bund 8.11.
1999;

Das strafrechtliche Bagatellprinzip. Eine strafrechtsdogmatische und kriminalpolitische Untersuchung
Schriften zum Strafrecht, Band 57Berlin (Duncker & Humblot) 1984370 SeitenISBN 3-428-05675-2
Besprechungen:
Günter Stratenwerth: Schweiz. Zeitschr. f. Strafrecht 105 (1988), 245;
Heinz Zipf, Zeitschr. für die Gesamte Strafrechtswissenschaft 98 (1986), 89;
Günther Kaiser, Schweiz. Juristenzeitung 1986, 397;
Franz Streng, Kriminologisches Journal 1986, 235;
Jürgen Baumann, Neue Jurist. Wochenschrift 1985, 1948;
Bernd Wehner, Kriminalistik 39 (1985), 168
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Die analytische Rechtstheorie: Eine "Rechts"- theorie ohne Recht? Systematische Darstellung und Kritik
Schriften zur Rechtstheorie, Heft 59. Berlin (Duncker & Humblot) 1977, 142 Seiten ISBN 3-428-03881-9
Besprechungen:
Gertrude Lübbe-Wolff: Rechtstheorie 11 (1980), 507;
Michel Villey, Archives de Philosophie du droit 23 (1978), 439;
Robert Walter, Juristische Blätter 1979, 168;
Bibliographie der Sozialethik XI (1977-79), 519;
V. Kube, Österr. Zeitschr. f. Öffentl. Recht 29 (1978), 382;
J. Leyten, Nederlands Juristenblad 1978, 226